[Ex-]Requisiten des Alltags

VEB Feinkost Ettiketten„In der DDR, die wir uns fast schon wieder mit „Gänsefüßchen“ ins Erinnerungs-BILD setzen müssten, weil sie wirklich nicht mehr existiert und dennoch ein „Phänomen“ geblieben ist, wurde den Leuten nicht nur ihr Staat unter dem Hintern weggezogen und durch einen fremden ersetzt, es scheint ihnen auch der Raum ihrer gelebten materiellen und immateriellen Kultur abhanden gekommen. Die Dinge, die einmal als vertraute Requisiten die Bühne der rituellen Inszenierung Alltag füllten und die in ihrem kargen Charme an die vergangene oder vergehende Kultur erinnern könnten, altern mit hoher Beschleunigung. Sie verfallen, zersetzen sich als Gebrauchs-, Symbol- und Erinnerungswerte gleichsam in der aggressiven Luft der über sie hereingebrochenen Genuss- und Schönheitsversprechens eines neuen Lebens im neuen Staat.“

Dies schrieb Gert Selle im Jahr 1990* „unter dem unmittelbaren Eindruck der gerade vollzogenen Wiedervereinigung“**.

In verborgenen Ecken finden sich manchmal noch solche alten (und schnell gealterten) Grüße aus der Vergangenheit; in diesem Fall einfach ein paar ungebrauchte Etiketten des VEB Feinkost, die immerhin inzwischen 30 Jahre alt sind. Auch sie zeigen jenen kargen Charme, von dem bei Gert Selle die Rede ist.

Diese Fundstücke, die wir finden oder die uns gebracht werden, wandern in unser kleines Feinkost-Archiv. Wir sind immer wieder erstaunt darüber, wieviele Menschen einen Bezug zur „alten“ Feinkost haben. Sei es, daß sie als Kinder gesammelte Hagebutten zur Annahmestelle brachten oder immer den Bus beobachteten, der in der Braustraße Insassen des Strafvollzugs aus der Kästner-Straße zum Arbeiten „ablud“, oder daß sie ihr Praktikum in der Marmeladeneinkocherei machten. Manchmal kommen auch Menschen vorbei, die lange Zeit im VEB Feinkost gearbeitet haben. Sie schauen sich an, was aus der ehemaligen Arbeitsstelle geworden ist – oft mit gemischten Gefühlen – und erzählen Geschichten „von damals“, von vor, während und nach der Wende. Manche bringen auch Dokumente mit, Postkarten, Fotografien, allerlei Zeitzeugnisse, auch aus Brauerei- und Vorkriegszeiten.

Darüber freuen wir uns immer. Wer also noch etwas in der Schublade hat oder zu erzählen weiß, kann es gern vorbeibringen, schicken, mailen, erzählen. Wir sammeln. Erstmal. Mal schauen, was draus wird.

*Zitat aus: Gert Selle: Vom Verschwinden einer Kulturdifferenz. Erstmals erschienen in: Deutscher Werkbund (Hrsg.): Vom Bauhaus bis Bitterfeld. 41 Jahre DDR-Design. Wiederabdruck 2009 in Günther Höhne (Hrsg.): Die geteilte Form. Deutsch-deutsche Designaffären 1949-1989. Für den Wiederabdruck schrieb Selle 2009 einen „Prolog“, aus diesem ist das mit ** gekennzeichnete Zitat.

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