„Beeinträchtigung durch Mischnutzung“

„Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass auf dem gesamten Gelände der Feinkost die verschiedensten Nutzer mit völlig unterschiedlichen Bedürfnissen beheimatet sind (Mischnutzung).

Es ist zu erwarten, dass von Handwerks- und Gewerbebetrieben unvermeidbare Lärm- und sonstige Emissionen ausgehen werden, die von Bürobetrieben und sonstigen ruhebedürftigen Nutzern als störend empfunden werden können. Im Kellerbereich werden sich zukünftig auch Proberäume von teilweise lautstarken Bands befinden. Es sind unterschiedliche kulturelle Veranstaltungen vorgesehen. Auch ist der Betrieb einer Kantine […] mit Bewirtung im Innenhof vorgesehen. Umgekehrt werden Industrie- und Gewerbebetriebe aufgrund der Mischnutzung Einschränkungen hinsichtlich der Zugänglichkeit des Geländes und der Lade- sowie Entlademöglichkeiten hinnehmen müssen.

Diese Mischnutzung ist im Konzept Kunst- und Gewerbegenossenschaft Feinkost eG bewusst angelegt und gewollt.“ (Nutzungsbedingungen der Feinkost eG)

Ein Hobler hobelt, es fallen Späne. Nicht nur sprichwörtlich: Auf dem Feinkosthof wird Holz geschliffen, und Sägemehl tanzt durch die Luft. Aus sommerlich-verständlichen Gründen hat sich der Schleifer ein Eckchen im Freien gesucht. Jedoch: der Wind steht ungünstig, und jedem, der den Hof betritt, fliegt der feine Staub in die Augen. Der Schutzbebrillte merkt davon natürlich nichts. Es wird ihm bald bescheid gesagt, und notgedrungen muß er seine Arbeit unterbrechen: bis der Wind sich legt oder eine andere Lösung gefunden ist. Oder weil er sowieso gleich fertig ist, macht er eben doch noch fix zuende.

Immer wieder kommt es beim Zusammenarbeiten und -leben auf dem Feinkosthof zu Situationen, wo sich Interessen, Ansichten und Bedürfnisse widersprechen. Eine Schulklasse ist zu einer Lesung im Kinderbuchladen; die Krachmacherschleifmaschine vom Schuhmacher nebenan beeinträchtigt den Lauschgenuß. Der Lieferverkehr stört die Theaterproben und die Kinoleinwand den Lieferverkehr. Partyvorbereitungen beeinträchtigen die Tiefenkeller-Führung und Partyhinterlassenschaften den Flohmarkt. Und genossenschaftlich-gemeinschaftlich genutztes oder untereinander geliehenes Werkzeug ist eine tolle Sache – außer wenn etwas kaputt ist, fehlt, oder Unordnung herrscht. Die Liste möglichen Frustrationspunkte ist endlos und manchmal unvorhersehbar.

„Beeinträchtigungen durch Mischnutzung“ heißt das in den Nutzungsbedingungen der Feinkostgenossenschaft. Man muß mit ihnen umgehen, diesen Beeinträchtigungen, und auch mit den Menschen, die die Beeinträchtigungen verursachen. Manch einer mag manchmal das Gefühl haben, er sei der Einzige, der ständig auf andere Rücksicht nehmen muß. Das ist dann natürlich eine Momentaufnahme. Tatsächlich steckt da jede Menge Reibung drin: für alle und jeden. Unleugbar ist jeder mal der, der stört, und mal der, der gestört wird. Da kommt auch mal Ärger hoch. Aber sich aufregen allein bringt herzlich wenig. Letztlich muß jeder Beteiligte die Arschbacken mal zusammenkneifen, denn weiter bringt einen in solchen Augenblicken nur das Gespräch, die Kommunikation: und das in konstruktiv, bitte. Da ist dann jeder Einzelne gefragt, zu überlegen, wie man etwas besser machen kann. Operativ und sofort einerseits; strategisch und in Zukunft andererseits. Nur über konstruktive Selbstbeteiligung kann jeder sicherstellen, daß etwas beim nächsten Mal besser läuft – und irgendwann vielleicht sogar reibungslos.

In solchen Momenten des Zusammenstoßes lohnt es sich, das Ganze zu betrachten: denn die Feinkost ist, was sie ist, weil eben alle, die da sind, da sind. Deswegen gefällt sie uns. Jeder ist ein Stück des Puzzles, und nur zusammen sind wir, was wir sein wollen. Das Gemeinsame macht uns aus. Auch wenn es uns manchmal einiges abverlangt. 

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